AMO A LA REINA: Raquel van Haver

10 Dezember 2021 - 29 Januar 2022 Aachen

In der letzten Werkschau diesen Jahres zeigt ARTCO Galerie erstmals in Aachen Arbeiten von Raquel van Haver in einer Einzelausstellung.

 


 

Raquel Van Havers Werk wird angetrieben von dem Wunsch nach Verbindung, von ihrem Geist der Zusammengehörigkeit, der sich Menschen, Gemeinschaften und auf monumentaler Ebene dem transkontinentalen Dialog zuwendet. Indem sie nach Kolumbien, wo sie geboren wurde, zurückkehrt und in ihr Heimatland, in seine Bevölkerung, Kultur und antiken Mythologien investiert, lässt Van Havers Praxis das individuelle Streben nach Wissen und Zugehörigkeit in den Hintergrund treten und wird zu einem lebendigen Archiv für Kolumbiens außergewöhnliche Gemeinschaften. Van Haver widersetzt sich den einzelnen Gattungen und interpretiert stattdessen den Bereich der Dokumentation nach ihren eigenen Vorstellungen neu. Ihr Ansatz ist dabei von Einschließlichkeit und Ausdehnung geprägt und lässt häufig ungehörte und ungesehene Stimmen ertönen.

 

Amo a la reina – übersetzt bedeutet das »Ich liebe die Königin« – zollt den Frauen Ehre, denen Van Haver auf ihren Reisen begegnet ist und von denen viele gesellschaftliche Akteure waren, die gewaltige Veränderungen in ihren Gemeinden bewirkten und bei diesem Bestreben mitunter ihr eigenes Leben gefährdeten. Die Werkfolge gewinnt nicht nur durch die Geschichten, Charaktere und Erlebnisse an Bedeutung, welche diese fesselnde Darstellung ausmachen, sondern stellt auch einen einschneidenden Durchbruch in Van Havers eigenem künstlerischem Schaffen dar. Ein bewusstes Abrücken von der Malerei als einem monolithischen Medium hin zu einer interdisziplinären Herangehensweise. Die Folge Amo a la reina, die Malerei, Architektur, Film und Collage umfasst, ist ein beeindruckendes Zeugnis für das Talent der Künstlerin zum Experimentieren, wobei sich ihre Praxis nahtlos mit den Geschichten ihrer Musen, Mitarbeiter, Freunde und Bekannten vermischt. Bei ihrer komplizierten Schilderung des Alltagslebens kann der Betrachter nicht erkennen, wo die Geschichten enden und die künstlerische Autonomie beginnt. Das Verwischen des wirklichen Lebens ist ein Ergebnis von Van Havers unverfälschter Verbindung zu ihren Sujets. Dieser ambitionierte Stil in Van Havers Ausdruck, der sich auf neue Medien erstreckt, ist dynamisch und einnehmend in seinem steten Streben nach neuen Möglichkeiten, um die Diskussion rund um die Themen und Fragen, mit denen sie sich auseinandersetzt, zu befeuern und zu bereichern. Die Einbeziehung verschiedener Medien avanciert dann zum nächsten Schritt des unverkennbaren Impastos der Künstlerin. Denkt man an Van Havers dreidimensionale Wandmalereien aus dicker Ölfarbe und aufgefundenen Materialien zurück, so bilden die architektonischen Strukturen von Amo a la reina, die sich aus Backsteinen und beleuchteten Collageschichten zusammensetzen, eine neue Art zusammengebasteltes Impasto, eines ohne Grenzen.

 

Die Geschichte wird von Van Haver in dieser Folge ihrer Wurzeln beraubt, postkoloniale Wirklichkeiten, geschlechterspezifische Gesellschaftsfragen und mythologische Erzählungen mit dem ihr eigenen künstlerischen Vokabular dargestellt. Das Freilegen der Identität im Zentrum der Werkfolge wird zu einem verzweifelten Gebot, die Geschichte eines Volkes wiederzugewinnen, eine Geschichte, die nicht vom Kolonisator diktiert, sondern stattdessen von den an den Rand Gedrängten erzählt wird. In seiner unmittelbaren Erzählweise wird Van Havers Werk von einem Sinn für das kulturelle Vermächtnis und einem unfehlbaren Altruismus geleitet, der ihre eigene Stimme als eine von vielen betrachtet, verwoben in eine kraftvolle Erzählung des heutigen Kolumbien.

- Lauren Gee